Die Presse über Martin Lengemann
Die Welt
Die Innigkeit der Insel
Nomen kann Omen sein: Der Fotograf Martin U.K. Lengemann mag alles, was "very British" ist Von Herbert Blomstedt
Die Liebe zu Großbritannien ist dem Autor
dieses Buches wohl in die Wiege gelegt - bildet "the United Kingdom"
doch das Zentrum seines Namens. Viele Deutsche teilen diese Liebe zu den
Britischen Inseln, ohne irgendeinen Namensbezug. Was ist so faszinierend an
"the U.K."?
Martin Lengemanns Fotos helfen uns, der Antwort
etwas näher zu kommen.
Deutschland hat wenige Inseln, und alle sehnen
wir uns ab und zu nach ihnen.
Sie sind fern und doch so nahe. Die Menschen auf
den Britischen Inseln sind anders und uns doch so ähnlich. Und das Wunderbare
ist, daß wir erst durch die Begegnung mit dem Fremden zur Erkenntnis unseres
Selbst gelangen.
"British" - das ist für uns Freiheit, Wahrheit, Natürlichkeit, Noblesse und Humor. Meine Generation erinnert sich noch an die Schicksalspauken und das folgende "This is London calling ...", die Stimme aus dem Äther, die im Zweiten Weltkrieg heimlich anzuhören nicht ungefährlich war. Sie stand für Wahrheit und Hoffnung auf Freiheit und kommt uns in den Sinn, wenn wir das Foto mit Winston Churchills gekrümmtem und doch mächtigem Rücken vor dem Big Ben sehen. Oder wir erinnern uns an Karl Marx, den deutschen Juden, der hundert Jahre zuvor auf den Inseln seine Freistatt fand und ein neues soziales Evangelium formulierte.
Auf einem Foto Martin Lengemanns sind wir im British Museum. Da sitzt ein junger Mann auf einer Bank und ein älterer Herr mit gekreuzten Beinen ungezwungen auf dem Boden - nicht umgekehrt! -, beide tief ins Studium versunken. Der Saal voller ägyptischer, das heißt inselfremder Monumente läßt uns an W.H. Audens berühmten Clerihew denken:
"When Karl Marx
Found the phrase ,financial sharks',
He sang a Te Deum
In the British Museum."
Die Inseln haben es verstanden, alles wirklich
Wertvolle bei sich zu versammeln, aufzubewahren und zu kultivieren, von
ägyptischen Statuen über Te Deums und Georg Friedrich Händel bis zu Karl Marx
und weiter bis zum heutigen Tag, um daraus etwas ganz Eigenes, Eigenartiges und
Faszinierendes zu machen und an die Welt zurückzugeben.
Gehen wir nach Norden, nach Schottland, finden
wir durch Lengemanns Bilder die Erfüllung unserer tiefsten Sehnsüchte nach
einem Verschmelzen mit und Aufgehen in der Natur. Der stolze Schotte vor dem
Haus in Culloden ist sicher, daß dies Haus mit dem Erdboden eine Einheit
bildet. Und er weiß, daß nichts in dieser Welt ihn von dieser seiner Erde
trennen kann. Karg und doch so reich.
Ja, auch mit den Highland-Rindern vor Wick
können wir kommunizieren. Dann werden wir wieder zu Ur-Menschen, direkt aus des
Schöpfers Hand gestiegen, und beginnen zu träumen von einer neuen Welt, in der
alles Gekünstelte und Verkrampfte keinen Platz mehr hat, in der alles nur noch
Natur ist.
Wenn wir uns in dieser grandiosen Umgebung, auf
der Insel Skye, wo Himmel und Erde sich treffen, am Ende des Weges doch einmal
etwas allein fühlen sollten, steht eine letzte Telefonzelle bereit für den
Kontakt mit dem Gedränge in London. Kaum dort angelangt, sehnen wir uns aber
wieder zurück zu den Inseln vor den Inseln. - Wir sind "very British"
geworden.
Thank you, Mr. Lengemann!
Herbert Blomstedt, am 11. Juli 1927 in den USA
als Sohn schwedischer Eltern geboren, lebt in der Schweiz. Er war Chefdirigent
der Staatskapelle Dresden, Music Director des San Francisco Symphony Orchestra
und ist Ehrendirigent des Gewandhausorchesters Leipzig. Herbert Blomstedts Text
ist das Vorwort zu "Very British! Eine fotografische
Liebeserklärung", einem Bildband mit Aufnahmen des WELT-Fotografen Martin
U. K. Lengemann, der mehr als 18 Jahre lang das Leben, Lieben und Leiden von
Engländern, Schotten, Walisern und Iren studiert hat. Das Buch erscheint bei
Bostelmann & Siebenhaar (Berlin. 224 S., 39,80
EUR).
Artikel erschienen am 25.03.2006
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Berliner Morgenpost
Ausgabe vom 22.09.2002, Ressort Berliner
Illustrirte Zeitung
Aus nächster Nähe
Martin Lengemann hat Politiker an Orten ihrer Wahl fotografiert. Das dauerte über ein Jahr. Entstanden sind sehr persönliche Porträts. Eine Auswahl Von Philip Cassier und Isa Hoffinger
Es ist manchmal nicht leicht, irgendwo anzukommen. Vor allem nicht an Orten, die man bald wieder verlassen muss. Als der Fotograf Martin Lengemann sich auf den Weg zur Wohnung von Norbert Blüm machte, stellte er sich auf ein kurzes Treffen ein. In Blüms Wohnung saß er dann plötzlich vor einem riesigen Korb voll warmer Brötchen, Marmelade, Schinken, Käse. Aus den verabredeten zehn Minuten wurde ein vierstündiges Gespräch. Über den Charme der Weddinger Kiezkneipen, die Bäckersfrau von nebenan und darüber, dass Blüm nicht Kaffee kochen kann. Der Politiker Norbert Blüm ist angekommen, in Berlin. Auch privat.
Für seine Porträt-Serie über die Köpfe der Berliner Republik besuchte Martin Lengemann fast hundert Bundestagsabgeordnete, mal zu Hause, mal in der Natur - eben da, wo sich die Politiker wohlfühlen oder mit denen sie etwas Persönliches verbinden. Er ließ sich einfach zu bestimmten Plätzen führen und wartete ab, was passiert. Ob in der Philharmonie, im Olympiastadion oder unter der Glienicker Brücke: «Ich wollte den Menschen zeigen, nicht den Politiker.»
Erst dachte Lengemann, das sei kein Problem. Ein «paar Wochen» nur würde er brauchen. Aber es ist nicht leicht, Menschen als Menschen zu zeigen. Besonders, wenn sie ein öffentliches und ein privates Gesicht haben. Statt ein paar Wochen brauchte er anderthalb Jahre. Die Serie ist «das Herzstück» seiner bisherigen Arbeit.
Stundenlange Telefonate, etliche Briefe, Faxe, darauf Absagen und wieder neue Anfragen. «Anstrengend» war das allemal. Gelohnt hat es sich trotzdem. Wenn eine Zusage kam, ließen viele Politiker auch den Menschen und nicht nur den Fotografen Lengemann nahe an sich herankommen.
Wie Angela Marquardt. Nachdenklich wirkt die Vorzeige-Rebellin der PDS, wie sie auf den Stufen vorm Pfefferberg kauert. Kein Wunder, fängt das Foto doch einen melancholischen Moment ein: So richtig heimisch fühle sie sich in der PDS nicht immer. Zu viele unterschiedliche Gruppierungen seien in der
Partei: Kommunisten, alte Kader, junge Linke. Am Pfefferberg, erzählte sie Lengemann, habe sie früher gearbeitet, und zwar als Pressesprecherin einer New Economy Firma - bevor diese Konkurs anmeldete. Manchmal frage sich die 31-Jährige auch, wie lange ihr schrilles Outfit wohl noch zu ihr passe. Ewig die junge Wilde kann man von einem bestimmten Alter an eben nicht mehr sein.
Mit dem Ankommen ist es so eine Sache. Viele zugezogene Politiker tun sich damit wesentlich schwerer als Norbert Blüm. Edelgard Bulmahn ist so jemand. Als Lengemann sie in ihrer schicken Wohnung am Kollwitzplatz besuchte, fiel ihm auf, dass sie ihre Umgebung kaum kannte. Beim Spaziergang durch den Kiez zeigte Lengemann der Bildungsministerin viele Straßen und Kneipen zum ersten Mal. Sich die Rollerblades anzuziehen und zwei Stunden lang die Gegend zu erkunden wie Claudia Nolte, das würde zu Bulmahn nicht passen. Sagt Lengemann. Nolte traf er schon 1991. Damals sei sie ein schüchternes Mädchen gewesen. Ihre Entwicklung heute zu dokumentieren, hat ihn deshalb persönlich «besonders gefreut».
Christian Schmidt zog bewusst in eine Wohnung in der Scharnhorststraße. Vom Wohnzimmer aus sieht er einen Wachturm, der ihn an die Zeit erinnert, in der es noch zwei Berlins gab. Das Bild der geteilten Stadt prägt seine Beziehung zu Berlin so sehr, dass der gebürtige Fürther darauf bestand, sich vor dem Turm ablichten zu lassen.
Hamburgs Ex-Bürgermeister Hans-Ulrich Klose schätzt den alten Westen. Er zog mit Lengemann in Charlottenburg um die Häuser. Der 33-jährige Fotograf hätte an diesem Abend beinahe seinen Flug nach London verpasst.
Unterwegs zu sein ist normal für Martin Lengemann. In Berlin lebt der gebürtige Hesse seit zehn Jahren. Ein offener Blick für Orte und Menschen kennzeichnet seinen Stil. Gerade in Berlin, sagt er, sei Offenheit wichtig, um alle Kontraste, die Berlin ausmachen, erleben und darstellen zu können. Woanders möchte er auf keinen Fall leben. Berlin sei eine Weltstadt, meint er. Mit oder ohne Politik. Er ist angekommen. Ob alle Politiker, die sich in der Hauptstadt mehr oder minder eingerichtet haben, bleiben werden, entscheidet sich heute.
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MDR FERNSEHEN
Mi 08.10., 12:00 Uhr
Martin Lengemann - der Fotograf der "privaten" Politikerprominenz
Fast alle Bundestagsabgeordneten hatten schon ein Date mit Martin Lengemann. Der gebürtige Hesse kommt ihnen ganz nah, und zwar mit seinem Objektiv. Der Fotograf besuchte für seine Porträt-Serie "Die Berliner Republik privat" fast einhundert Abgeordnete, mal zu Hause, mal in der Natur. Er ließ sich einfach zu bestimmten Lieblingsplätzen führen und wartete ab, was passiert. "Ich wollte den Menschen zeigen, nicht den Politiker." Und nachdem die gewählten Volksvertreter merkten, dass der Fotograf Lengemann sensibel war und sich Zeit nahm, waren die Politiker unverkrampft und offen.
Ungewöhnliche Fotos der eigentlich bekannten Gesichter sind entstanden. Der Fotograf Lengemann hat eine klare Haltung zu seinem Job. Sein Motto: "Ich verzichte auf jedes Bild, wenn ich mich dabei schlecht benehmen muss." Martin Lengemann machte aber auch beeindruckende Fotoserien aus dem Nachkriegs-Sarajewo. Er arbeitet für "Die Welt" und ist eigentlich immer unterwegs.
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